Bananen – Kurzgeschichte

Jana, 29 Jahre alt, sieht aus wie 23, denkt wie 33 und manchmal auch wie 17. Isst Bananen gern verkehrt herum.
Robin, 27, sieht aus wie 30, denkt wie 27, beschreibt Bananen gern mit Kugelschreiber.

Wie über hartes Eis, wie durch warme Butter und wie du in meine Gedanken hinein, so glatt und rein. Glatt gleitet diese Tinte über die Schale. Wie nutzlose Worte über meine Lippen. Wie du aus meinem Leben. Herausgerutscht durch fehlenden Halt. Weggeworfen. Wie Biomüll auf die Erde.

Sie fand die Bananenschale am Wegesrand im Gebüsch und las ihre Botschaft. Geschichten laufen überall herum. Manchmal findet man Bruchstücke davon. Sie sammelt jedes Bruchstück. Am liebsten hätte sie diese Bananenschale mitgenommen, wenn sie nicht so schnell vergammeln würde. Noch war sie ganz gelb und frisch. Sie sah sich um, überall Jogger, alle verschwammen vor ihren Augen, als wollten sie die Spur des Bananenschalenautors verwischen. Ein Foto hält länger als Obst. Sie fotografierte das Werk. Später legte sie es zu all den anderen Geschichten in eine Kiste. Meist Ausdrucke von den unterschiedlichsten Fotos. Wie sonst kann man Geschichtsschnipsel eines Menschenlebens festhalten?
„Hast du jemals eine vollständige Geschichte eines Menschen?“, fragte sie sich selbst. Wahrscheinlich nicht, nicht mal von Freunden. Auch wenn zwei oder drei Freundinnen nahe an eine Vollständigkeit herankamen. Der Schreiber wird es vielleicht nie. Sie kennt nicht einmal seinen Namen.

Würden Gedanken nur genauso schnell vergammeln wie Obst. Er hätte seine Leichtigkeit von vor zwei Jahren wieder. Hüpfen und springen würde er. Im Internet las er ein Gedicht, das ihm bekannt vorkam. Als er es schrieb, hatte er es nicht als Gedicht angesehen. „Autor unbekannt“ stand darunter. Und daneben ein Foto von Jana, das nur ihren Hals und den Bund ihres Shirts zeigte. Er klickte nur durch Blogs seiner Freunde, wie war er hier hingekommen? Im digitalen Zeitalter schreibt man nicht mehr auf Papier, wirft nichts mehr weg. Einsen und Nullen werden in immer neuen Kombinationen recycelt.

Manchmal wird man auf Fotos von Fremden verewigt, unscheinbar im Hintergrund, landet in ihren Fotobüchern, in ihren Facebook-Profilen. Nur ohne Verlinkung. Wie findet man Menschen ohne Verlinkung? Niemals findet man sie. Wäre jeder Gegenstand, wie achtlos im Gebüsch liegendes Obst, eine Verlinkung zu einem Menschen, würde man vor Informationsfluten völlig überfordert werden. Der Speicher Gehirn wäre nur von einem Tag total voll, voll fürs ganze Leben. Niemals findet man sie. Oder doch? Manchmal werden Spuren hinterlassen. Verknüpfungen über nur vier Ecken gefunden. Manchmal wird seinen Enkelkindern ein Foto gezeigt, das die Großeltern im Alter von 17 Jahren zusammen zeigt, welches jedoch fünf Jahre vor ihrem Kennenlernen geschossen wurde.

Nun wussten beide von der Existenz des anderen. Robin kommentierte ihren Blogeintrag, den eigentlich er geschrieben hat, mit einem YouTube Link, welcher einen verrückten japanischen Werbespot über Bananen zeigt. Nur ein einziger Mensch auf der Welt verstand diesen Link. Jana war entzückt. Die Welt hält soviele Geschichten bereit. Und manchmal setzen sich Bruchstücke zu etwas Größerem zusammen. Doch will man die Perfektion der Zufälle zerstören, in dem man sich auf die Suche nach weiteren Stücken begibt, bis man das ganze Gebilde „Mensch“ vollständig vor sich liegen hat? Und dann feststellt, wie wenig es eigentlich zusammen passt, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit.

Wie immer siegte die Neugier. Und vielleicht lassen sie diesmal eine Geschichte vollständig werden. Von diesem unbekannten Anderen.

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