Suchende – Kurzgeschichte

Sie bildete sich ein, dass der Sonnenuntergang, den sie hinter dem Haus vermutete, den blauen Himmel über ihr rötlich erschienen ließ. Und als sie herum lief, den Blick weiter nach oben gerichtet, sah sie die blassroten Wolken am westlichen Horizont. Doch als sie wieder zurücksah, war das Blau einfach nur blau, und das Rot wieder verloren.Sie war stets auf der Suche nach Dingen, die verloren waren, nach Gefühlen, die sie längst nicht mehr hatte. Doch sie ahnte nicht, dass es noch jemanden von dieser Sorte gab, dass sie zu zweit waren. Zwei, die nicht wussten, dass man gleichzeitig der Suchende und der zu Findende sein kann. „So kann das Spiel doch nicht funktionieren!“, hätten sie als Kinder entgegnet. Und möglicherweise hätten sie damit auch Recht behalten.

An dem Abend, der so rötlich geschimmert hatte, sah sie die Sonne nicht mehr. Und auch der Bach, an dem sie vorbeikam, sehnte sich nach Sonnenstrahlen. Sie setzte sich eine Weile an das Ufer und beobachtete das mühselige Vorankommen des Eises in dem kälter werdenden Wasser. „Wir hätten die Sonne beide noch eine Weile gebrauchen können“, flüsterte sie. Dann traf sie ein Schneeball von hinten. Sie wussten beide nicht, wonach sie suchten.

„Hast du die Flutlichter vom Stadion gesehen? Sie haben den ganzen Nachthimmel über der Stadt erleuchtet. Ich glaube fast, bis hier hin zu dir!“, sagte er in einer Nacht ganz aufgeregt zu ihr, in der sie wieder vorhatten zusammen einzuschlafen. Sie hatte von Anfang an bemerkt, dass helle Dinge eine sonderbare Faszination auf ihn ausübten. Wie zu dem Zeitpunkt als sie sich trafen und das Licht des Himmels den Schnee erstrahlen ließ. Und wie er auf die schneebedeckten Baumwipfel sah, auf die am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen fielen. Manchmal dachte sie, dass er sie genauso ansah. Und später in der Nacht schliefen sie zusammen ein, was sie beide so sehr wollten. Sie, um warm zu bleiben, und er, um die Dunkelheit zu vergessen.

Ihre Haut schien die Kälte immer nur hinein zu lassen und nicht wieder heraus. Wie diese Membran, von der sie damals im Biounterricht gehört hatte, die die Flüssigkeiten nur in eine Richtung durchlässt und nicht wieder zurück. Aber sie wusste, dass sie Wärme abgab. „Ich weiß, warum du immer frierst. Du gibst so viel Wärme an deine Umgebung ab, dass für dich keine mehr übrig bleibt“, sagte er ihr einmal. Und sie dachte sofort, dass es das Netteste war, das jemals jemand zu ihr gesagt hatte. Und für diesen Moment dachte sie, dass doch etwas Wärme zu ihr zurückgefunden hatte, die sie von innen umschloss und die sie so lange vermisst hatte. Und genau in diesem Augenblick, dachte er, dass für kurze Zeit das Leuchtende, Lebendige in ihren Augen erloschen war, dass sie immer voranzutreiben schien. Das Leuchten ihrer Suche. Das Leuchten, das er suchte. Und gefunden hatte. Das Leuchten, das nun verschwand.

Nun sollte das Ziel ihrer beider Suche nur ein flüchtiger Moment gewesen sein. Sie verabschiedeten sich mit einer Umarmung, in der sie versuchte, das Glühen in sich festzuhalten. Und das Letzte, was sie von ihm sah, war der weiße Atemhauch, der für sie, einfach in der Luft stehen blieb, weil die Kälte ihn zu schnell erstarren ließ, als das er sich hätte auflösen können. Und noch heute träumte sie manchmal davon, die Atemeiskristalle, die in der Luft hingen, vorsichtig mit dem Zeigefinger zu berühren, um zu prüfen, dass sie echt sind und nicht in ihren Spinnereien erfunden. Doch als sie sie berührte, fielen sie zu Boden und zerbrachen in Scherben.

„Das Eis ist so dünn, ich könnte hineintauchen“, dachte sie am Bachufer. „Ich habe die Kälte schon vergessen.“ Auf dem Weg nach Hause blickte sie hoch in den grauen Himmel, der die Sonne seit Wochen vor ihr versteckte. Und sie suchte vergeblich nach dem rötlichen, warmen Licht, mit ihren leuchtenden Augen.

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