Phantasie – Kurzgeschichte

Er fand nur ihren Körper vor, der am Straßenrand saß, den Kopf auf die Knie gelehnt. Ihr Blick war weit weg, so weit weg, dass er nicht mehr ausmachen konnte, wo er war. Ein kleines Mädchen, in der Dämmerung am Straßenrand. Ihre Füße hätten überfahren werden können, aber auf dieser Straße fuhr so spät kein Auto mehr. Die Lampe seiner Haustür leuchtete. Er zog die Türe hinter sich zu, setzte seinen Hut auf, der seine weißen Haare bedeckte und ging ein paar Schritte auf das Mädchen zu. Wann waren seine Augen zuletzt da, wo das Mädchen hinsah? Er hatte noch nie Zeit gehabt, dort zu sein, er kannte den Ort nicht.

Als sie den alten Mann bemerkte, kam ihr Blick zum Straßenrand zurück und aus ihrem Körper wich die Kraft. Sie verschwand als hellgrau leuchtender Nebel in der Lampe seines Hauses. Er blickte sich irritiert zur einzigen Lichtquelle um, merkte noch die Luft an seinem Gesicht vorbeiziehen. Das Mädchen schaute er fragend an und sagte mit seiner rauen, dunklen Stimme lediglich, was er dachte: was das nur gewesen sei. „Noch ein kleines Stück meiner Kindheit.“ Eine helle Stimme in der Dunkelheit. Ein paar helle große Augen.

Neben seinem Haus war ein Raupenwald. Mit Raupenfäden überall. Ein Wald, der unwirklich wirkte, wie aus einer Geschichte, durch den das Mädchen hierher gekommen war. Ihre Haare waren voll von Raupenfäden. Als er sich neben sie setzte, konnte er sie sehen. Er berührte sie. Sie waren echt und klebten ein wenig, wie Spinnweben. Sie war eine Welt, die er nicht kannte.

Er ist nie so jung gewesen, wie sie es ist. Als kleiner Junge hatte er keine Zeit dazu gehabt. Niemand hat ihn je so angesehen, als wäre er ein Kind. Doch nur Erwachsene können mit diesen erwachsenen Blicken umgehen. Nur Erwachsene können damit umgehen, ständig der nüchternen Realtität ausgesetzt zu sein. Nur Erwachsene, so dachte er, können damit umgehen, auf sich selbst gestellt zu sein und keine Sicherheit zu haben. Als kleiner Junge verschwanden seine Blicke aus der Ferne, die ihn nie richtig aufnehmen wollte. Doch als sie verschwanden, nahmen sie seine Kraft nicht mit.

„Geh nach Hause“, sagte er zu ihr. „Es ist spät und kalt. Und iss was, du siehst schwach aus.“ Sie lächelte.
Sie wusste nicht mehr, wo ihr zu Hause war. Er hatte nie eins gehabt.

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